Das Germanistische Institut trauert um Dr. Wulf Wülfing

Das Germanistische Institut trauert um Dr. Wulf Wülfing, der (am 19. März) 1934 geboren wurde und seit 1967 als Akademischer Rat hier tätig war. Seine ersten Lehrveranstaltungen im Sommer 1967 waren eine Einführung in das Studium der Literaturwissenschaften sowie ein Proseminar zu Lessings Dramen. Bis 1999 war er dann als Oberrat in unserem Institut tätig, am 26. Dezember 2025 ist er in Bochum verstorben. Unter Fachkollegen hatte er nicht nur den Ruf eines versierten Textanalytikers, sondern auch eines politisch arbeitenden Literaturwissenschaftlers, der sich der Sozialgeschichte verpflichtet fühlte. Eine klare Ausflaggung zeigt bereits seine Dissertation zu Schlagworten des Jungen Deutschland (mit einer Einführung in die Schlagwortforschung) von 1963 (erstpubl. in der Zeitschrift für dt. Sprache 1965-1970, als Buch 1982), wo seine Themengebiete der Literarischen Rhetorik und der Mythisierung von Figuren der Geschichte einen ersten Ausdruck fanden. Es zeigt sich hier auch die Sympathie mit diskursanalytischen Verfahren, was damals durchaus avanciert war und in einem gewissen Gegensatz zur noch eher gängigen hermeneutischen Interpretationspraxis stand.

Was Wulf Wülfing zur Epoche des langen 19. Jahrhunderts vorzüglich erforschte, ließe sich zugleich als Problemgeschichte in die Gegenwart verlängern. Wenn er etwa eine Historische Mythologie der Deutschen 1798-1918 verfasste (zusammen mit Rolf Parr und Karin Bruns, München 1998), ging es dort auch um Kollektivsymbole und Redeformen, die noch gegenwärtige Politik bestimmen, z.B. in Vorurteilsstrukturen. Die deshalb nötige Schulung von Urteilskraft war bei ihm Programm.

Einen gewichtigen Beitrag zur Sozialgeschichte der Literaturwissenschaft stellt zweifellos auch das Handbuch literarisch-kultureller Vereine, Gruppen und Bünde 1825 – 1933 von 1998 dar, ein Projekt, das zunächst durch die DFG gefördert und dann von Wulf Wülfing mit Rolf Parr und Karin Bruns zu einem maßgeblichen Band von 130 Einträgen ausgearbeitet wurde.

Forschung und Lehre waren für Wulf Wülfing kein Gegensatz, sondern sich ergänzende Tätigkeitsbereiche: Bekannt war er dafür, dass er seine Themen und Perspektiven auch in Seminaren diskutierte und hieraus wiederum Anregungen mitnahm. In seinen Lehrveranstaltungen konnte er durch seine kompetente, freundliche und gewinnende Art auch bei denjenigen ein Interesse erzeugen, das nicht von Hause aus mitgebracht wurde – eine für uns durchaus vorbildliche Arbeit.

Wulf Wülfing gehörte nicht ganz zur Gründergeneration des Germanistischen Instituts, insofern er erst zwei Jahre nach dessen Gründung in Bochum zu lehren und zu forschen begann. Nichtsdestoweniger aber war er für über dreißig Jahre Teil jenes Teams aus akademischen Räten, zu denen neben ihm etwa Horst Belke, Bernhard Asmuth und Gerhard Mensching gehörten und die dieses Institut geprägt hat. Wulf Wülfing hat entscheidend mitgewirkt an der Etablierung einer akademischen Lehrkultur, deren tragende Säulen das liebevolle Interesse am Gegenstand des eigenen Faches, das anteilnehmende Interesse am Erfolg der eigenen Studierenden und das ebenso anteilnehmende Interesse am akademischen Nachwuchs waren. Zu diesem akademischen Nachwuchs gehörten wir beide in den 1990er Jahren, in denen wir mit Wulf Wülfing zusammenarbeiten durften und ihn schätzen lernten.

Wir gedenken seiner in Dankbarkeit.

Für das Germanistische Institut: Ralph Köhnen, Benedikt Jeßing