Im Sommersemester 2026 wird der Linguistische Arbeitskreis Bochum von Frau Prof. Karin Pittner (Lehrstuhl für Germanistische Linguistik) organisiert. Am 06.05.2026 freuen wir uns auf den Vortrag von Dr. Natascha Raue von der Uni Osnabrück zum Thema „Grammatische Unbestimmtheit bei viel : Evidenz aus Korpusdaten und Eye-Tracking“
Grammatische Unbestimmtheit bei viel: Evidenz aus Korpusdaten und Eye-Tracking
Wörter wie viel können innerhalb einer syntaktischen Struktur mehreren
Wortartenklassifikationen gleichzeitig zugeordnet werden: ein Phänomen, das wir als
grammatische Unbestimmtheit bezeichnen. Im Fokus unserer Studien steht die grammatische
Unbestimmtheit von viel, das den Wortarten Adverb und Pronomen wie in (1) aber auch
Determinierer (1b) und Partikel (1c) zugeordnet werden kann.
(1)
a. Fast zwei Wochen lang war viel geredet worden. (Die Zeit, 18.11.1999, Nr. 47, DWDS-
Kernkorpus)
b. Viel Arbeit wartet. (Die Zeit, 24.06.1999, Nr. 26, DWDS-Kernkorpus)
c. Weil ich viel effizienter Arbeiten kann. (Die Zeit, 05.11.1998, Nr. 46, DWDS-Kernkorpus)
Ziel der Studien ist es, grammatische Unbestimmtheit empirisch anhand von Korpusdaten zu
analysieren sowie die Verarbeitung beim Lesen zu untersuchen.
In einer großangelegten Studie auf Grundlage des DWDS-Kernkorpus wurden die
Vorkommen von viel manuell annotiert und hinsichtlich Wortartenklassifikationen sowie derer
hierarchischer Ordnung analysiert. Die Ergebnisse zeigen, dass mehrere Lesarten innerhalb
einer syntaktischen Struktur koexistieren können und dass sich eine Basislesart empirisch
identifizieren lässt. Adverbien kommen dabei signifikant häufiger im Vergleich zu den anderen
Wortarten vor, werden jedoch nur selten als Basislesart annotiert. Eine hierarchische Ordnung
der Lesarten wird empirisch bestätigt und Mehrfachklassifikationen finden sich in
verschiedenen Zeitabschnitten.
Darauf aufbauend wird eine Eye-Tracking-Studie vorgestellt, die untersucht, wie sich die
Verarbeitung bei Sätzen mit viel unterscheidet, wenn die disambiguierende Information vor
bzw. nach dem kritischen Element positioniert ist. Die Daten belegen erhöhte
Verarbeitungskosten, wenn disambiguierende Information erst nach dem kritischen Element
erscheint, was sich u.a. in erhöhten Fixationszahlen, längeren Gesamtfixationsdauern sowie
vermehrten Regressionen zeigt.
Die Ergebnisse werden vor dem Hintergrund methodischer Chancen und Grenzen
korpuslinguistischer sowie experimenteller Verfahren zur Analyse von Phänomenen
grammatischer Unbestimmtheit diskutiert.
