Daß kürzere oder auch längere erzählende Texte im 19. Jahrhundert vorzugsweise in Zeitschriften erstveröffentlicht wurden, als Fortsetzungstexte über eine teils beachtliche Zeitspanne, weiß man. Trotzdem hat weder die Editionsphilologie noch die Literaturwissenschaft mit diesem Wissen Ernst gemacht, nach wie vor stützen Editionen und in deren Folge Textdeutungen sich auf Buchausgaben, ohne interpretatorisch in Rechnung zu stellen, daß die zeitgenössische Erstrezeption dieser Texte nicht im Buch erfolgt ist, sondern in der Zeitschrift – die 1877/78 im Fall von Theodor Fontanes erstem Roman »Vor dem Sturm« eine Auflagenhöhe von 80.000 Exemplaren hatte, von denen (nach Schätzung der Daheim-Redaktion) jedes von sechs Leser/inne/n gelesen wurde. Und auch die Fortsetzungslieferungen des Romans stehen in keiner Zeitschriftenausgabe allein, sondern ›in Gesellschaft‹ anderer Schrift- und Bildbeiträge. Wie ediert man so etwas? Und wie lassen sich solche ›Lektüren in Gesellschaft‹ des 19. Jahrhunderts nachstellen? Diesen Fragen widmen sich in der zweiten Sitzung der „Bochumer literaturwissenschaftlichen Gesprächen“ Sean Franzel und Nicola Kaminski.
Wer schon einen Blick in den Jahrgang 1877/78 der Zeitschrift Daheim. Ein deutsches Familienblatt mit Illustrationen, in dem vom 5. Januar bis zum 21. September 1878 Fontanes »Vor dem Sturm« abgedruckt wurde, werfen möchte, um sich einen ersten Eindruck zu verschaffen, kann dies hier tun:
https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb11363638?page=10,11
Zu jeder der wöchentlichen Ausgaben gab es mindestens eine Beilage, die im Exemplar der Bayerischen Staatsbibliothek München jedoch nicht mit der jeweiligen Nummer eingebunden wurden, sondern gesammelt am Ende des zweiten Halbjahresbands:
https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb11363639?page=248,249
Diese Veranstaltung ist öffentlich!

