«Bücherschau» der Literarischen Gesellschaft Bochum

Fotos von links nach rechts: Sanja Milijas, Manfred Schneider, Friederike Wießner, Ralph Köhnen

Am 10. Dezember 2019 fand die „Bücherschau“ der literarischen Gesellschaft Bochum im restlos ausverkauften „Prinz Regent Theater“ statt. Wie im letzten Jahr wurden die vier Neuerscheinungen des Bücherherbstes 2019 von Ralph Köhnen, Sanja Milijas, Manfred Schneider und Friederike Wießner ausführlich vorgestellt und rege diskutiert. Die Veranstaltung wurde durch eine ‚Speed-Runde‘ abgerundet, in der – passend zur Weihnachtszeit – vier literarische Geschenketipps gegeben wurden.

In dieser Bücherschau war es für die vier Rezensentinnen und Rezensenten nicht leicht, passende Bücher zu finden. Köhnen konnte nur mit viel Leseaufwand literarische gute Neuerscheinungen ‚aufspüren‘: Es seien zwar viele neue Bücher auf dem Markt, im Trend lägen zur Zeit allerdings eher Wellness-, Reise- oder Kochliteratur.

Die vier ausgewählten literarischen Werke wurden für die Bücherschau allesamt auf humorvolle, nachdenkliche, informative und empfindsame Art und Weise aufbereitet und präsentiert:

1. „Was man sät“ von Marieke Lucas Rijneveld (Suhrkamp), vorgestellt von Manfred Schneider
In dem eher unbekannten Roman geht es um eine Bauernfamilie in einem durch den Calvinismus geprägten Umfeld, die von Schicksalsschlägen gebeutelt wird. Nach dem ersten Unglück ist in der Familie nichts mehr, wie es war, wie die 10-jährige Tochter erzählt.

Schneider beschreibt die Geschichte des Mädchens als eine Geschichte des Erwachens in grimmigem Erzählstil, die die Leserin/den Leser durch tiefe Gefühle der Erzählerin, ihren Kummer, ihre Neugierde und ihre Fantasie, gefangen nehme. Wießner lobt v.a. den schichtenreichen, psychologischen und detailreichen Aufbau des Romans und die Bearbeitung von Tabuthemen (Kindheitstraumata und emotionale Abgründe) und schlussfolgert: „Kein Buch für schwache Nerven“. Köhnen nimmt einen etwas anderen Blickwinkel ein und verweist auf die hervorragend ausgeführte Anthropologie des Werkes, die man schon bei den Kollegen Schiller, Goethe und Co. finden konnte – darum stelle dieses Debüt eine literarische Meisterleistung dar.

2. „T. Singer“ von Dag Solstad (Doerlemann Verlag), vorgestellt von Friederike Wießner
Der vierunddreißigjährige Langzeitstudent T. Singer schließt seine Ausbildung zum Bibliothekar ab und möchte in einer Kleinstadt unerkannt und anonym sein Dasein fristen. Durch seine psychischen und neurotischen Probleme sind zwischenmenschliche Beziehungen schwierig, aber nicht unmöglich, wie eine Heirat mit der Töpferin Merete zeigt. Über die Jahre beginnt die Beziehung zu bröckeln und die Scheidung ist schon zum Greifen nah, als ein tragischer Autounfall das Leben von T. Singer für immer verändert.

Bei diesem Werk scheiden sich die Geister: Während Wießner eine detailreiche Handlungsebene vermisst und der Schreibstil des Romanes ihrer Auffassung nach eher auf die Beschreibung fokussiert ist und stellenweise ausufernde Adjektivreihungen verwendet, beurteilt Köhnen das Werk als hoch elaboriert geschrieben und sogleich traurig wie auch ‚saulustig‘.

3. „Winterbienen“ von Norbert Scheuer (C.H: Beck), vorgestellt von Sanja Milijas
Im Zweiten Weltkrieg kreisen über der Eifel britische und amerikanische Bomber. Egidius Arimond ist Imker und wegen seiner Epilepsie nicht wehrtauglich. Er bringt sich in Gefahr, weil er jüdischen Flüchtlingen über die Grenze verhilft, Geld für seine Medikamente braucht und sich in diverse Frauengeschichten verstrickt.

Dieser Roman ist nach Milijas in einem spannenden Format verfasst, denn er besteht aus Tagebucheinträgen des Protagonisten. Damit wird nicht nur eine unfassbare Nähe zu dessen Leben erzeugt, sondern auch der Roman selbst wird nicht mehr aus der Hand gelegt, bis er zu Ende gelesen ist. Bei diesem Werk waren sich die vier Fachleute einig: Ein pragmatisches Buch, das auf verschiedenen Ebenen agiert. Es vereine Grausamkeit und Menschlichkeit und sei durchweg interessant und gelungen verfasst.

4. „Versuch über den geglückten Tag“ von Peter Handke (Suhrkamp), vorgestellt von Ralph Köhnen
„Der geglückte Tag ist ein Abenteuer mit dem Tag als Gegenüber und Gegner“ (Hanke, Peter). Dieses Werk überzeugt weniger durch handlungsgeladenen als vielmehr meditativen Inhalt, denn es stellt mehr Fragen, als es beantwortet.

Das Wichtigste vorab: Laut Köhnen kann das Werk mit seinen nur 88 Seiten nicht ‚in einem Rutsch‘ gelesen werden. Die (Selbst-)Reflexion, die sich dahinter verbirgt, verlangt dem Leser einiges ab: Es bilden sich in der Bücherschau zwei Lager heraus: Als bekennender ‚Handke-Fan‘ findet Köhnen das Buch hochinteressant, weil es handlungsarm ist und doch sehr zum Nachdenken anregt. Milijas und Wießner finden das Buch hingegen zu meditativ, da der Autor ihnen zu viele Fragen stellt, die unbeantwortet bleiben. Schneider weist zudem auf einen Übersetzungsfehler am Ende des Buches hin, der das Werk nicht im besten Licht erscheinen lässt.

Nach der sehr ausführlichen Bücherschau folgte eine Speed-Runde, in der die Referentinnen und Referenten in knapp fünf Minuten vier Bücher, die sich sehr gut als ‚literarisches Weihnachtsgeschenk‘ eignen, vorstellen konnten.

1. „Von oben“ von Sibylle Lewitscharoff (Suhrkamp), vorgestellt von Manfred Schneider
Ein sehr intellektueller Roman über einen Geist in Berlin“, den Schneider wärmsten empfehlen kann.

2. „Die Zeuginnen“ von Margret Atwood (Berlin Verlag), vorgestellt von Friederike Wießner
„Wer Margret Atwood bereits kenne, der könnte sehr viel Spaß mit diesem spannenden und vielschichtigen Werk haben“, so Wießner über die Fortsetzung von „Der Report der Magd“. Insgesamt also ein tolles Weihnachtsgeschenk.

3. „Was nun? Ein Weg zur deutschen Einheit“ von Egon Bahr (Suhrkamp), vorgestellt von Sanja Milijas
In diesem Buch geht es um das geteilte Deutschland. Bahr beweist einen geschichtlichen Möglichkeitssinn, der sich mit der Frage der möglichen Wiedervereinigung aus damaliger Sicht beschäftigt.

4. „Blauverschoben“ von Hannes Oberlindober (Projekt Verlag), vorgestellt von Ralph Köhnen
„Ein richtig abgefahrenes – und physikangehauchtes – Buch, das in einer hiesigen Kneipe in Bochum spielen könnte“, so Köhnen.

Die vier Experten trafen eine hervorragende Auswahl an Büchern, die sie mit mit viel Witz, Detailreichtum und Anekdoten präsentierten. Das sichtlich unterhaltene Publikum verfolgte die Veranstaltung gespannt und mit einigen Lachern. Die Bücherschau eignet sich hervorragend für jede/jeden, die/der gerne literarische Werke liest und nach neuen Empfehlungen sucht. Es wurden schöne Ideen für literarische Weihnachtsgeschenke vorgestellt, die unter dem einen oder anderen Weihnachtsbaum bestimmt gut angekommen sind.

Wer sind die Organisatoren?
Die Literarische Gesellschaft Bochum in Zusammenarbeit mit dem Prinz Regent Theater Bochum.

Kommende Veranstaltungen?
Alle Termine zu den kommenden Veranstaltungen sind zu finden unter:
http://www.literarische-gesellschaft-bochum.de/

[C. F.